Ein bisschen wie heimkommen

Nicht gerade zurück zu den Wurzeln, aber zumindest zurück nach Pucón geht es für uns. Kilometer für Kilometer fahren wir nordwärts, manchmal ein bisschen angetrieben durch die Touristenmassen, aber lest selbst.

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Nach den grossen Namen Südpatagoniens folgt die grosse Pampa, sozusagen das "Nichts". Vielleicht nicht gerade nichts, aber sehr wenig gibt es auf dieser Strecke zu sehen. Kilometerweise zieht sich die baumlose Steppe, ab und zu ein Cuanaco oder Nandú kreuzen unseren Weg, dass ist dann auch schon das Aufregendste. Unser Javier übersteht tapfer die Waschbrett-Strassen und rollt stetig auf den asphaltierten Abschnitten. Einzige Abwechslung unterwegs bietet die "Cueva de los manos". Eine Höhle, respektive ein Abschnitt eines Canyons, wo alte Höhlenmalereien entdeckt wurden, welche von der UNECSO als Weltkulturerbe ausgezeichnet wurden. Die Malereien datieren aus den Jahren 7000 bis 1000 v.Chr. wobei als Hauptmotiv Handnegative in verschiedenen Farben dargestellt sind. Ausserdem sind Jagdszenen und diverse Guanacos erkennbar. Eine kurzweilige Führung gibt einen interessanten Einblick und bildet eine willkommene Abwechslung auf der langweiligen Strecke.

Nach vielen weiteren schier nicht endenden Fahrstunden mit wenig Spannung erreichen wir Esquel. Und mit dem Erreichen dieser Stadt endet fürs erste auch die Steppe. Esquel liegt am Fusse der Anden, hier hat es wieder Wälder, Flüsse und Seen. Vor dem Stadteingang müssen wir das allererste Mal unseren Führerausweis zeigen. Obwohl wir schon unzählige Polizeikontrollen passiert haben (diese sind sehr häufig in Argentinien), wurden wir noch nie kontrolliert. Der freundliche Herr weiss wenig mit unserem Internationalen Führerausweis anzufangen, lässt uns aber passieren, jedoch nicht ohne noch extra eine Karte der Stadt zu besorgen, worin die touristische Infrastruktur beschrieben ist. So eine Kontrolle könnte definitiv schlimmer sein. Oberhalb der Stadt, nur wenige Kilometer vom Stadtrand entfernt, tauchen wir ins Sommerferien-Feeling ein. Ein kleiner See umgeben von Bergen bildet eine idyllische Kulisse, so dass wir zwei Tage an dessen Ufer campieren und die sommerlichen Temperaturen geniessen. Da die Argentinier nun ebenfalls Ferien haben, sind tagsüber viele Leute beim Badevergnügen, aber Abends kehrt Ruhe ein und wir teilen unseren hübschen Platz nur mit ein paar Kühen und Pferden.

Nach diesen erholsamen Tagen setzen wir uns erneut ans Steuer, diesmal aber nur für ca. zwei Stunden. Wir erreichen El Bolsón, dem Ort eilt der Ruf eines "Hippidorfs" voraus. Hier wird alles selber produziert aus frischen Zutaten, das Leben ist gemütlich und friedlich. Noch von den ganz grossen Touristenmassen verschont, befinden sich hier hauptsächlich einheimische Besucher. Diese strömen zum berühmten Markt im Zentrum, wo eben diese handgemachten Dinge präsentiert werden. Tatsächlich bietet der Markt andere Dinge als die standardmässigen Märkte, wo alle dieselbe Biligware verkaufen. Auch in diesem Dorf haben wir wieder viel Glück mit dem Wildcampen. Am Ufer eines schönen Flusses campen wir schlussendlich ganze vier Tage, so wohl fühlen wir uns. Die heissen Temperaturen, inzwischen kratzen wir an der 30er Grenze, laden zu einem Bad im Fluss ein. Hier treffen wir auch ein Schweizer Ehepaar, mit welchen wir einen gemütlichen Abend verbringen und ihren Geschichten lauschen, denn sie sind schon viele Jahre mit ihrem Truck unterwegs. Die Temperaturen sind aber auch der Grund, dass wir keine grösseren Wanderungen unternehmen, trotz zig Optionen. Eigentlich tun uns die ruhigen Tage einfach gut, um nach den vielen Fahrstunden ein bisschen auszuruhen. Eines Abends darf Javier dann aber noch seine Muskeln spielen lassen, denn ein Auto hat sich festgefahren und so sind wir dankbar, können wir einmal jemandem aus der Patsche helfen.

San Carlos de Bariloche, was soll man sagen. Die Touristenmassen sind überwältigend und die Stadt mag wenig begeistern. In früheren Jahren wurde die Stadt nach europäischem Vorbild gebaut, doch der Boom verhinderte ein kontrolliertes Wachstum, so dass die Stadt gegen aussen hin verwildert ist. Hier findet man z.B. Bernhardiner als Fotosujet, endlos viele Schokoladengeschäfte und auch Fondue steht auf der Speisekarte... Eine kleine Siedlung neben Bariloche heisst gar "Colonia Suiza", die Gründer kamen aus dem Wallis. Das Ganze fühlt sich etwas befremdlich an und der Massentourismus verhilft auch nicht zu mehr Charm. Eigentlich liegt Bariloche in einer wunderschönen Umgebung mit endlos vielen Seen, Wäldern und Bergen, aber irgendwie vergeht uns die Lust am Entdecken. Wir übernachten ausserhalb, machen am nächsten Tag noch eine kleine Sightseeing Runde mit dem Auto, fahren mit einer Sesselbahn aus dem letzten Jahrtausend auf einen Aussichtsberg und verabschieden uns dann schnell vom Chaos in und um Bariloche. Wäre ein spannender Ort, vor allem die Umgebung hat viele Wanderungen zu bieten, aber nichts in der Hochsaison.

Dafür sind wir nun zurück auf den sehenswerten Routen. Bis nach "San Martin de los Andes" fahren wir an 7 Seen vorbei, so zumindest sagt es der Name der Strecke. Bei genauem Zählen kommen wir zwar auf mehr Gewässer, aber was solls. Schön ist es allemal und schreit nach einer kleinen Challenge. In jedem See eine Abkühlung nehmen. Die ersten drei schaffen wir am ersten Tag und machen konsequent in jedem einen kurzen Schwumm. Die Seen sind wunderschön gelegen und das Fahren macht endlich wieder richtig Spass. Abends schlafen wir auf einem offiziellen Wildcamping Platz, wo bereits viele Camper stehen. Aber es hat längst Platz für alle und ist immer noch viel weniger eng als auf einem Camping in der Schweiz. Apropos Schweiz, hier treffen wir erneut unsere Schweizer Freunde und geniessen einen weitern Abend mit guter Gesellschaft und einem Glas Wein, nichts ahnend, dass der nächste Tag weniger erfreulich verlaufen wird.

Wieder einmal streikt Saras Magen-Darm-Trakt, so dass unsere Seen-Badetour ein abruptes Ende findet und wir mehr oder weniger direkt weiter fahren, um möglichst bald unser nächstes Etappenziel zu erreichen.

Pucón, unser Ziel. Richtig, genau da wo wir schon über sechs Wochen verbracht haben. Drei Dinge wollen wir erledigen. Hallo sagen bei unseren alten Bekannten, das Auto auf Vordermann bringen und Saras Geburtstag feiern. Letzteres fällt etwas ins Wasser, da Sara einige Tage braucht, bis sie wieder wohlauf ist und ihr Geburtstagsessen auch tatsächlich anständig verdauen kann. Was als zwei- bis dreitägiger Stopp gedacht wurde, daraus wurden letztlich 10 Tage. Die Organisation der Ersatzteile verläuft schleppend und so sind wir unglaublich dankbar, dass wir bei der Familie des Hostels wohnen dürfen und den Garten des Hostels geniessen können. Es fühlt sich wirklich an wie nach Hause kommen, kennen wir den Ort doch sehr gut. Aber er hat sich stark verändert. Nun stecken wir mitten in der Hochsaison und das Dorf ist komplett überlaufen. Plötzlich befinden sich an jeder Ecke Restaurants, Shops, Verkaufsstände. Auf dem See sind Jetskis zur Vermietung und am Strand muss man sich seinen Platz schier erkämpfen, so voll ist er. Uns tagniert dies nicht so stark. Wir besuchen die Lokale und Orte die wir mögen, den Rest kennen wir ja schon und so geniessen wir auch ein paar ruhigere Tage im Hostelgarten und bieten unsere Hilfe an.

Nach 10 Tagen fahren wir endlich zum Mechaniker, um die neuen Teile einzubauen. Dabei handelt es sich um Abnutzungserscheinungen, die sehr gängig sind nach entsprechend vielen Kilometern auf teils sehr schlechten Strassen. Natürlich klappt es auch dieses Mal nicht auf Anhieb. Trotz mehrfachem Nachfragen wurde ein Ersatztteil nicht organisiert, so ganz schlau weshalb nicht, werden wir nicht. Trotzdem fahren wir los, wir haben keine Geduld mehr und die Werkstatt hat nicht den besten Eindruck hinterlassen. Wir werden die letzte Reparatur unterwegs vornehmen lassen. So verlassen wir Pucón nun definitiv, wobei wir nur wenige Kilometer später am See campen mit Blick auf das Dorf. Ein letzter Sonnenuntergang mit Blick auf den Ort, der fast ein wenig Heimatgefühle auslöst.

Bevor wir Chile für längere Zeit verlassen, statten wir dem Mechaniker in Temuco einen Besuch ab, um eben dieses noch fehlende Teil zu ersetzen. Temuco ist kein speziell schöner Fleck Erde, aber eine geschäftige Stadt und entsprechend findet man hier auch alle möglichen Ersatzteile, was es für uns attraktiv macht. Die Sache ist mehr oder weniger schnell erledigt, so dass wir nach zwei Nächten in der Stadt in Richtung Grenze aufbrechen. Nicht nur aufgrund der unattraktiven Stadt sind wir froh die Region zu verlassen, auch die Luft ist schlecht. Dies hat nicht mit Smog zu tun, sondern mit den riesigen Waldbränden, die etwas weiter im Norden wüten. Teilweise hängt ein dicker Nebel/Rauch über der Stadt und unser Dachzelt stinkt noch am nächsten Tag entsprechend. Nur zu hoffen, dass die Brände bald unter Kontrolle gebracht werden können...

Auf Wiedersehen Chile! Nun verlassen wir das Land für längere Zeit. Hier haben wir unglaublich viel Zeit verbracht, ungefähr 6 Monate, also etwa die Hälfte des zweiten Teils unserer Reise. Land und Leute überzeugen sehr. Die Landschaft ist unglaublich schön, die Menschen stets freundlich und hilfsbereit, ohne aufdringlich zu sein. Nur die chilenische Küche werden wir nicht vermissen. Das viele Weissbrot, überall Mayonnaise ohne Limit, wenig wirkliche Spezialitäten, welche bei uns nicht unbedingt Jubel auslösten. Aber man kann nicht alles haben. Bis bald, wir werden nochmals in das schmale Land am Pazifik zurückkehren.